50 Jahre Abitur – Türen in die Vergangenheit

50 Jahre war es her, dass inzwischen mehr oder weniger gealterte Herren am Gymnasium Odenkirchen ihr Abiturzeugnis erhalten hatten. Sicher war dieses Papier wichtig: als Anerkennung einer besonderen Leistung, für unermüdliches Durchstehvermögen, der Einstieg in das Berufs- und Privatleben. Doch wohl wichtiger waren die Jahre vor dem Abitur. Für viele war es eine G8-Erfahrung, für wenige ein  G9-Durchlauf. Kurzschuljahre wegen der Umstellung  auf ein geändertes Schuljahresende von Ostern auf den Sommer waren dafür ausschlaggebend gewesen. 

Schulleiter Bernhard Spaniol  öffnete für uns mit seinem Team (seine Nachfolgerin Frau Ariane Nübel und Stellvertreter Herr Ulrich Bünstorf) die Schultüren, die uns vor allem im altehrwürdigen Altbau von außen noch bekannt waren und uns noch einmal in die Vergangenheit führten.  Allerdings hatte sich in einigen Fällen das Innenleben grundlegend geändert. Da gab es einen Raum, in dem Jugendliche in einer Gruppe ein Projekt ihrer Wahl selbstständig bearbeiten konnten. Dazu hatten sie natürlich Rechner zur Verfügung, aber auch eine Begleitperson, die –wenn nötig- Hilfestellung geben konnte. Das Projekt blieb nicht geheim, sondern wurde vor Mitschülern und Eltern veröffentlicht. So viel Selbständigkeit gepaart mit öffentlichem Interesse an Schülerleistungen hatte es zu unserer Zeit nicht gegeben. Im Neubau beeindruckten vor allem die naturwissenschaftlichen Räume mit ihrer Ausstattung, die den Jugendlichen ebenfalls viel Selbstständigkeit boten und dem pädagogischen Personal einen interessanten Unterricht ermöglichte. 

Aber uns interessierte an diesem Tag doch mehr der Altbau. Wir wollten wissen, was hinter diesen Türen steckte, die von außen kaum anders aussahen als zu unserer Zeit. Schulleiter Bernhard Spaniol hatte sich im Gegensatz zu unserem damaligen Direktor Dr. Brauer seinen Stellvertreter Ulrich Bünstorf in die unmittelbare Nähe geholt. Teamarbeit ist der Hintergrund für eine solche Entscheidung.

Nun endlich erfuhren wir auch, was Dr. Brauer, unser immer verständiger und von allen geachteter Direktor, für viele von uns getan hatte. Eigentlich sollte er die Schule auf der Höhe in der Versenkung verschwinden lassen, also schließen. Stattdessen nahm er viele Knaben auf, die vielleicht an anderen damaligen Bildungsanstalten keinen Einlass gefunden hätte. Das Gymnasium Odenkirchen platzte dadurch aus den Nähten und etliche durften an diesem Besuchstag zum 50. Abiturjubiläum zum Abschied noch eine Ehren-Urkunde in Empfang nehmen.

Aber bis dahin  nahm sich Schulleiter Bernhard Spaniol noch viel Zeit für uns. Die nächste Tür weckte nach dem Öffnen wieder Erinnerungen. Es war die alte kleine Sporthalle, die sich vom Innenleben her kaum verändert hatte. Dort fand ein schulinternes Basketball-Turnier statt, zu dem sich eine Klasse beim Aufwärmen Hilfe in der Mao-Bibel (Vorboten der 68er) gesucht und für ein Spiel auch erhalten hatte. Die Mao-Bibel wurde eingezogen, das nächst Spiel ging verloren. 

Unseren Physiksaal, der bestens in den Film „Die Feuerzangenbowle“ gepasst hätte, fanden wir nicht mehr vor. Dort ließ Herr Strömer nicht nur Autos zu Messzwecken flitzen, sondern unser Französischkurs wurde von Herrn Schmitz im besten Deutsch mit der dritten Fremdsprache vertraut gemacht.  Nachdem ihm junge Pädagogen folgten, wurde das Schülerleben schwieriger, aber letztlich vom späteren Können her erfolgreicher.

Im Dachgeschoss des Altbaus waren noch immer die kleinen Räumchen vorhanden, in denen früher unter Leitung des Odenkirchener Künstlers Jordan eifrig mit Ton gearbeitet wurde. Kleine Tellerchen, Igel und Schweine musste sorgfältig aus dünnen Tonschlangen gedreht und dann sorgfältig mit einem Klopfholz geglättet werden. Natürlich hatte auch Herr Jordans ein Klopfholz, das ab und zu leicht auf dem Hinterkopf eines Schülers landete, um das Denkvermögen und die Arbeitsleistung zu steigern. Beschwerden gab es übrigens nie, denn die Zöglinge waren sich immer der eigenen Schuld bewusst. Aufgeregte Eltern gab es damals ebenfalls nicht, obwohl aus heutiger Sicht sicherlich dazu das eine oder andere Mal Gelegenheit bestanden hätte. 

Auf den Abschluss des Rundgangs hatte sich viel von uns besonders gefreut, denn alle wollten wissen, ob die Aula noch in ihrem ehemaligen Zustand vorhanden war. War sie in aller ihrer Fensterpracht. Da wir sie aus luftiger Höhe betrachten durften, wurden wir vom Schulleiter wohl mit einer Neuerung vertraut gemacht: einer Feuerleiter, die bei Brand als Fluchtweg zu nutzen war und kerzengerade in den Raum ragt. Das Angebot, diesen direkten Weg in die Aula zu nutzen, hätten wir sicher früher sofort angenommen, verzichteten aber darauf mit Rücksicht auf unser doch schon fortgeschrittenes Alter.

Nach so viel Laufleistung, Informationsauf- und abgabe hielt die Schulleitung nicht nur kalte Getränke, Tee, Kaffee und Kuchen bereit, sondern nahm sich weiter Zeit, sich mit uns zu unterhalten. Einige von uns hatten ihr Lebensglück im Schuldienst gefunden, drei lehrten als Professoren an Hochschulen, Zahnärzte und Techniker hatte dabei viel zu erzählen. Unsere ehemaligen Lehrer hätten sich sicher über und mit uns gefreut. Uns war das abends beim Treffen im Rheydter Ratskeller nur von zwei ehemaligen Lehrern vergönnt: Herr Kaldorf und Herr Bickel.

Dieser Beitrag wurde unter Neuigkeiten veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.